Geburtstags-Pavillon
Geburtstags-Pavillon

Geburtstags-Pavillon

Geburtstags-Pavillon
– inspiriert durch eine wahre Begebenheit

Der Sommer naht, die Temperaturen lassen es schon erahnen. Die Helligkeit der Tage strebt ihrem Höhepunkt zu, genauso wie Waltraud, für die ihre morgige Geburtstagsfeier ein solcher ist.

Im familiären Kreis soll auch dieses Mal ein gemütliches Beisammensein stattfinden. Nur, im dunklen Keller zu sitzen, ist nicht erbaulich. Der Garten darf als grüner Schauplatz herhalten. Doch was, wenn es regnen sollte? Sicherheitshalber doch den Partykeller herrichten? Nein, Waltrauds Ehegespenst Alfons hatte eine bessere Idee: „Lass uns zum Baumarkt fahren und einen von diesen schönen Pavillons kaufen“. Gesagt, getan. Wenige Minuten später bestiegen sie ihren quietschgrünen Golf 2. Das betagte Gefährt benötigt wie seine Insassen etwas Zeit, um auf Touren zu kommen und am Berg hat man den Eindruck, dass ihm, dem Auto, die Luft ausgeht.

Während der Fahrt diskutierten die beiden noch darüber, ob der Pavillon farblich eher in den Garten, oder zur selbst geschneiderten Hussen-Garnitur für die Biertische und -bänke passen soll. „Ich denke, wir sollten einen grünen nehmen“, meinte Waltraud. „Keine schlechte Idee“, meinte Alfons, „ich glaube nämlich nicht, dass wir für den rosa-grün geblümten Stoff der Hussen einen passenden Farbton finden“, grinste er verry amused.

Etwas angefressen von dieser Äußerung verlief die Fahrt ansonsten in schweigender Fahr-Meditation. Am Baumarkt angekommen suchte Waltraud einen hintereinander liegenden Doppelparkplatz, in dessen Mitte sie sich demonstrativ stellte. Dem besseren Einladen wegen. Nun ja, das Rückwärtsfahren war auch nicht ihr Ding. Außerdem ist eh genug Platz.

Sanft säuselnd hieß sie ihren Gatten, das passende Transportgefährt aus der Einkaufswagen-Garage holen.

Derweil kontrollierte sie die Ausstattung ihrer Handtasche, die man sich aus einem Konglomerat von zusammengenähten Capri-Sonne-Tetrapacks, Strass-Steinchen und selbst gefilzten Wollschnüren vorstellen muss, die den Trageriemen bilden. Fein einsortiert ins eingenähte Innenleben, damit ja alles greifbar ist, sind Brille, Taschentücher, Multifunktions-Tool, Führerschein, Sparbuch, Haarbürste, die Pfefferminz-Dragees – alles da.

Aber, fehlt da nicht doch noch irgendwas sinnierte Waltraud?

Jetzt fiel es ihr wieder ein, die Feuchte-Tücher. Man kann ja nie wissen, ob einen nicht ein menschliches Bedürfnis ereilt, und da mag man gerüstet sein. Diese entlieh sie dem Handschuhfach des Autos, das sie als Reise-Depot dafür auserkoren hat.

Alfons kam zu Waltraud zurück, ohne Wagen. „Was ist los“, fragte sie etwas genervt, „gibt’s keine Wägen mehr?“

„Doch, genug“, gab Alfons leise zu verstehen, „ich habe nur den Chip vergessen. Sei bitte so nett und gibt mir einen aus deinem Portemonnaie“.

„Ja, ja, was man nicht im Köpfchen hat, muss man in den Beinen haben“, raunte ihm Waltraud etwas spitz zu.

Sie begab sich umgehend in die geheimnisvolle Tiefe ihres Ausgeh-Koffers, um ihrem Einkaufswagen-Chauffeur kurz darauf mit besorgter Miene mitzuteilen, dass die Geldbörse fehle. „Trautchen“, sagte Alfons, „sicher hast du sie unter dem mit Dinkelspelz gefüllten Keilkissen auf dem Fahrersitz liegen lassen, wo du ihn sonst auch immer versteckst“. Man muss wissen, Waltraud braucht diese Sitzerhöhung, damit sie über das Lenkrad sehen kann und nicht durch die Speichen schauen muss. Also, Geldbeutel da, alles gut!

Nach erneuter Überprüfung von Waltrauds Zubehör-Sammlung ging das ergraute Liebespaar gemeinsam den Transportwagen holen, mit dem sie in die große Welt der vielen Dinge, die man nicht braucht, eintraten.

„Alfons, schau bitte mal auf die Schilder an der Decke, in welche Ecke wir für so einen Pavillon müssen“, bat ihn Waltraud. Er kniff die Augen zusammen und versuchte das Buchstabengewirr zu entschlüsseln, kam jedoch etwas deprimiert und erfolglos zum Entschluss, dass es mit der richtigen Brille durchaus möglich gewesen wäre, dem milchig-verschwommenem Gestrichel einen worthaften Sinn zu entlocken. Wieder einmal mehr bestätigt sich das Mitführen eines wohlsortierten Damen-Interieur-Behältnisses. Etwas umständlich kramte Traudl darin, brachte ihre Sehhilfe zum Vorschein und setzte sie galant auf die Nase. Hübsch sah sie aus, mit ihrer gelben Kunststoffbrille. Sie hatte das Teil günstig auf einem Flohmarkt erstanden, aber sie tat ihre Dienste ganz famos, zumindest im eng eingegrenzten Entfernungsbereich. Somit war es an Waltraud, die Richtung zu erfassen, in der sich das vermutliche Objekt der Begierde befand, in der Gartenabteilung.

„Lass uns doch lieber jemanden fragen, der sich mit den Pavillons auskennt“, meinte Alfons. „Nix da“, konterte seine Chefin, wie er sie manchmal liebevoll nannte, „was sollen die denn von uns denken? Wir sind doch nicht blöd – oder?“

Wenige Regale weiter erspähte sie die beplanten Zelt-Stellagen, verpackt in handlichen Kartons. „Wollen wir nicht doch…?“ Rüde wurde Alfons’ Frageversuch unterbrochen. „Schau, mein grün betupfter Schneehase, was soll für 58,90 Euro denn schief gehen? Lass uns so einen mobilen Gartenpalast kaufen und am besten heute noch aufstellen, damit für morgen nichts mehr schief geht“.

Morgen, ja Waltraud hatte die Ruhe weg. Vieles wird auf den letzten Drücker gemacht, aber sie schafft es doch immer wieder.

Nach peinlichem Zählen des Kleingelds, ungeachtet der entstehenden Warteschlange, und umständlichem Bezahlen an der Kasse, stolzierten die frisch gebackenen Stoffhausbesitzer, die Garten-Pavillon-Aufbau-Profis gebend, ihrem Gefährt zu.

Verstaut war die Errungenschaft ohne große Zwischenfälle, außer dass sich Waltraud einen ihrer aufgeklebten 6-Schicht-Fingernägel mit Pril-Blumen-Dekor abbrach und Alfons sich den Finger beim Umlegen der Rücksitzlehne im Scharnier quetschte.

Trotzdem froh gelaunt fuhren sie Richtung Heimat. „Hätten wir nicht doch den rot-gestreiften Pavillon nehmen sollen?“, fragte Alfons unsicher. „Nein, das ist schon gut so, der Pavillon fügt sich mit seiner Tarnnetz-Optik doch bestens in den Garten ein“, zerstreute Waltraud seine Bedenken.

Zuhause angekommen platzten beide fast vor Neugier. Noch schnell eine Hopfenkaltschale für den Bauherrn und ein kleines Piccolöchen für die Herrin, also die Baudame.

Los ging es mit dem Aufbau. „Du, hier gibt es noch eine Aufbauanleitung“, warf Alfons ein. Aber er hatte die Rechnung ohne seine Traudl gemacht. „Das Fachchinesisch versteht doch eh kein Mensch“. Mit dem Teppichmesser rückte sie dem Karton zu Leibe. Wohl etwas zu forsch, denn die darunter liegende Plane bekam eine nicht geplante Lüftungsöffnung.

Geflissentlich übersah sie es und drängte den Bauherrn zur Tat.

„Das kriegen wir schon hin“, tönte sie, ihre Verlegenheit überspielend. Zuvor hatte sie etwas Klebeband von der Verpackung abgezogen und die offene Dachwunde notdürftig damit verarztet.

„Komm, zieh mal hier, nein, ich meine dort!“ Deutliche Kommandos schallten von Waltrauds Seite her. Eigentlich wollte Alfons die Regie übernehmen, aber so ist sie halt, seine Angetraute.

Nach einigen Versuchen des Auseinanderziehens, Zusammenschiebens und Drückens, stand ihr 3×3 Meter großer Festpalast, an dem nur noch die Höhe eingestellt werden musste. Nur, wie funktioniert dieser verzwickte und unbekannte Mechanismus? Egal, Hauptsache es rastet irgendwo ein.

Die Problemstellung wurde souverän und zufriedenstellend nach dem vierten obergärigen Getränk und einer Flasche Erdbeersekt gelöst.

Jetzt aber noch gut verzurren. Dazu bedienten sie sich der vorhandenen Schnüre, ergänzten sie um das Doppelte aus eigenem Bestand und befestigten sie, straff gespannt, mit extra starken Bodenhaken, die man vom Bau noch hatte.

Zum Schluss noch die Seitenteile montiert, auch wenn man sich wunderte, dass diese viel zu lang und irgendwie einseitig bzw. schief waren. Sichtlich müde gingen sie nach diesem anstrengenden Schöpfungsakt zu Bett, mit der Vorfreude auf ein gelungenes Fest.

Der darauf folgenden Morgen ließ keine Zeit, die Stoffkabine nochmals zu sichten. Die Vorbereitungen in der Küche nahmen beide dermaßen stark ein, dass sie erst zum Begrüßen Ihre Gäste in den Garten kamen.

Schön stand er da, der Pavillon. Und Fragen, ob man ihn hier oder da nicht etwas hätte höher machen können, wurden mit der Antwort quittiert, dass es wohl ein Konstruktionsfehler vom Hersteller sei. Außerdem ist der Pavillon dermaßen festgezurrt, dass eine nachträgliche Höhenjustierung nicht mehr möglich war – der Kürze der Zeit wegen. Das braune Klebeband auf der Dachplane stammt wohl noch von der Verpackung und man habe es beim Aufbau übersehen.

Das Fazit der Geschichte:
Selbst ein einfacher Gartenpavillon, aufgestellt ohne Anleitung und mit flüssig-geistiger Unterstützung, kann dazu beitragen, dass eine Geburtstagsfeier gelingt. Und vielleicht war er genauso schräg wie seine Gäste?

Tom di Luc Copyright Juni 2015

 

 

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