Garten des Grauens

Garten des Grauens

Es ist dunkel, beim Hindurchgehen knirscht der Kies unter  meinen Sohlen, der Mond leuchtet verstohlen hinter einem Baum hervor. Der Wind streicht um eine kleine  marode Hütte und man meint ein Säuseln von Stimmen zu vernehmen.

Ein Waldkauz lässt seine schaurige Melodie erklingen und von fernem schlägt die Glocke einer kleinen Kapelle Mitternacht.

Am Weg gliedern sich Beete an, die bei Nacht wie eingesäumte Gräber anmuten. Akkurat angelegt, sauber eingefasst, alles mit dem Lineal gezogen, gründlich zurechtgestutzt, festgebunden und nichts dem Zufall, respektive der Natur überlassen.

Es raschelt, ist da jemand?

Nein, es ist nur eine kleine Maus, die einen aus den großen schwarzen Augen neugierig anblickt.
Mein Gang geht weiter an einer Mauer entlang, die mit Efeu und Wildem Wein bewachsen ist.
Plötzlich vernehme ich ein sanftes Streicheln an meiner Wange und erstarre vor Angst. Abrupt bleibe ich stehen und mir treten Schweißperlen auf die Stirn.

Das Streicheln hört jedoch nicht auf und ich taste vorsichtig und langsam an meine Wange.

Ich ertaste etwas Feines, Filigranes und traue mich, es fester anzufassen. Da erst erkenne ich, dass es ein kleiner Spross des Wilden Weins ist, der sich frisch und zart seinen Weg sucht.

Da, ein Schatten.

Himmel nochmal, ich mach mir gleich in die Hose. Das kann doch nicht sein, dass sich ein erwachsener Mensch so schisserig (ängstlich) in der Nacht bewegt.

Also reiße ich mich am Gürtel, sprich Riemen, und spähe um die Mauerecke, wo mir flatterig ein patriotisches Stück Stoff a la Frankenfahne entgegen winkt.

Ich laufe weiter, irgendwo muss es doch wieder nach draußen gehen.

Ein süßer Duft lockt mich jedoch weiter, ich kann nicht erkennen, was es ist, das meine Sinne betört.
Derweil hat sich das Mondlicht fast gänzlich verabschiedet, Wolken verdunkeln unseren Erdnachbarn.

Ein Funkeln erregt meine Aufmerksamkeit, ich strebe diesen kleinen grünblauen Lichtpunkten zu und bleibe fasziniert vor einer Ansammlung Glühwürmchen stehen.
Erst merke ich nicht, dass meine Schuhe nass werden, dass sich langsam aber stetig Wasser und Morast in meine Schuhe drängen.

Ich sinke, sinke immer tiefer und schaffe es nicht, mich zu bewegen.

Immer weiter, immer tiefer, das Atmen fällt schon schwer und als ich bis zum Hals im Morast eingesunken bin, verwandelt sich alles in Stein.

Hart, kalt, unnachgiebig.

Jaaa, und jetzt wache ich endlich auf!
Schweißgebadet, aber froh, diesem Inferno entronnen zu sein.

Der (Alp-)Traum war am darauffolgenden Morgen immer präsent in meinen Hirnwindungen und so versuchte ich nachzuspüren, welche Ereignisse nach einer Verarbeitung suchten.

Schnell kam ich darauf, denn die Tage zuvor hatte ich mitbekommen, wie in moderner Art und Weise Gärten und Vorgärten, Einfahrten, Plätze für Mülltonnen und dergleichen gestaltet werden.

Alleine schon, dass die neue Baukultur sich in den Farben Weiß, Grau und Schwarz erschöpft, gibt es weitere Gestaltungsformen, die nicht wirklich einem kreativen Denkorgan entsprungen sind.

Natur ist out, weil zu pflegeintensiv, oder weiß der Geier was?
Gabione müssen her.
Das ist das Allround-Gestaltungselement mit vielen Möglichkeiten.
Wer es nicht weiß, das sind Drahtkörbe, bzw. Drahtgeflechte, von quadratisch, rechteckig, rund und was noch alles, die mit Steinbrocken gefüllt werden.
Brauchs´te nicht streichen, gehen kaum kaputt, was will man mehr?
Meist sind die Felsstücke, also die Füllung, grau, allerdings kann man da noch auf einige Schattierungen zurückgreifen.
So, mit diesen Dingern kann man schon mal eingrenzen, abgrenzen, Mauern ziehen, Blickfänge setzen.

Häh, Blickfang setzen?

Also wer so ein Element als Blickfang sieht, der sollte dringend seine Sehkraft prüfen lassen.

Damit sich das Thema weiter fortsetzt, knallt man auch den Vorgarten und dergleichen mit Kies, Splitt, Schotter und weiterem haltbarem Material voll.

Quadratmeter um Quadratmeter gestaltet man mit einem Stoff, der zwar aus der Natur ist, aber der der Natur keinen Lebensraum bietet. Zudem heizt sich im Sommer diese Steinwüste extrem auf, trägt weder zu einem gesunden Klima bei, noch zur optischen Ergötzung.

Ich frage mich wirklich, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, die sich eine Steinwüste anlegen.
Eigentlich sind es doch arme Geschöpfe, die weder eine Beziehung zur Natur haben, denen die Phantasie abhandengekommen ist, oder die nur im Sinne eines Lemmingeverhaltens einen „edlen“ Vorgarten oder Garten haben müssen, weil ein Geldiger sich irgendwo zum Designerhaus auch etwas Pflegeleichtes anpassen ließ. Vielleicht noch etwas Carrara-Marmor-Bruchstücke dazwischen, einige Solnhofener Kalkstein mit Einschlüssen von Fossilien?

Eine Amethyst-Druse, ein paar extravagante Bergkristalle und als Highlight ein angeketteter 750 Jahre alter Bonsai mittendrin, wäre mal etwas Anderes.

Inzwischen ist es so, dass, wenn ich mich in Siedlungsgebieten, fast egal wo, umsehe, ich meine, immer noch in meinem Traum gefangen zu sein.

Umso mehr gibt mir die gewachsene Natur in ihrem Sein etwas,
das ich sonst nirgends finde:
Frieden.

Tom di Luc

Copyright 2021 Garten des Grauens

 

 

 

Mein Feind, der Garten

Meist ist ein Garten schön anzusehen
Wenn wir durch seine Wege gehen

Doch Ansichten gibt es eine Menge
Über dichtes Pflanzengedränge

Erst mühsam gepflanzt und gut gehegt
Die Wege, manchmal auch den Rasen gefegt

Doch durchkreuzt die Welke den Gartenplan
Dann fängt er an, der Gartenwahn

Es wird geschnitten und gestutzt
Ein mancher fragt sich ganz verdutzt

Warum das Blümchen schon muß weichen
In Zukunft wird man’s ganz rausstreichen

Heraus mit Strauch, mit Staude und Baum
Es wird wohl sonst zum Schlaflos-Traum

Egal, ob so schön geblüht und gefruchtet
Wird die Pflanze herausgewuchtet

Das Aussehen ist einem nun ein Graus
So richtig zerrupft schaut´s da draußen aus

Man merkt so richtig ohne Plan
Hat sich da jemand umgetan

Es fehlt die Muse und die Liebe
Zu diesem und auch jenem Triebe

Der Garten ist nur eine Last
Drum wird jetzt ein Entschluß gefaßt

Vielleicht sollte man sich nicht genieren
Und den Garten ganz zubetonieren

Jedoch, beobachtet man die Natur ganz genau
So wird man von alleine schlau

Sie gibt den Rhythmus ganz klar vor
Doch es gibt so manchen Thor

Der dem Natürlichen ist nicht wohl gewogen
Hat totes Material vorgezogen

Und so ist die Meinung breit
Des einen Freud´, des andren Leid

 

Tom Luc 2013