Das Dilemma: Fast hätte ich ihn umgebracht

Das Dilemma: Fast hätte ich ihn umgebracht

Schon über ein Jahrzehnt ist er bei uns in der Familie und hat es, bis auf kleine Krisen, immer gutgehabt.
Er wurde regelmäßig gefüttert, hatte die Temperatur, die ihm behagte und er durfte seinem Drang sich fortzupflanzen nachkommen. Dadurch stabilisierte sich seine Bakterienflora und er roch nicht mehr so streng, als wie in den Anfangsjahren.

Man könnte schier sagen, er ist der Pubertät entwachsen.

Zwischendurch musste man ihn schon etwas bremsen, damit er nicht zu ungestüm wurde. Das geht bei ihm nur, wenn man ihm die Hitze nimmt und ins Kühle befördert.
Nein, das ist nicht brutal, der braucht das manchmal, so als Erziehungs- und Kultivierungsmaßnahme.

Es war wieder einmal der Zeitpunkt gekommen, ihn ins Freie und Warme zu lassen, damit er dem Verlangen nach Vermehrung freien Lauf lassen konnte.
Dazu wird er gut gefüttert, aber nach einem strengen System und außerdem braucht man ja Kraft dazu, wie man allgemein weiß.
Nachdem ich ihn aus seiner kühlen Dunkelkammer entlassen habe, gab ich ihm am Morgen etwas Getreide, dazu ein paar Schluck Wasser.

Erstmal langsam angehen lassen, das ist wichtig.

Am Abend nochmals dasselbe Prozedere, so ebenfalls am darauffolgenden Morgen.
Auf den Nachmittag freut er sich besonders, denn nun kommt etwas Geschmack dazu.

Neben einer weiteren großen Portion Getreide ist Kümmel, Koriander, Fenchel und etwas Salz auf dem Speiseplan.

In Gedanken versunken bereitete ich ihm das letzte Mahl vor, ehe es wieder in die kühle Ruhestätte geht. Länger darf man ihn nicht draußen lassen, denn er bläht sich ganz schön auf und manchmal schießt er auch über das Ziel hinaus. Das geschieht meist dann, wenn ich ihm nicht genug Raum gebe und er mit erhitztem Gemüt schon Blasen wirft.
Bevor nun eben diese vorerst letzte Speisung vollzogen wird, muss ich ihm, so leid es mir tut, einiges von seinem physischen Körper abzwacken.

Mit diesem Anteil darf er – sofern ich es eben nicht verbummele – zu gegebener Zeit wieder wachsen und gedeihen. Ein bisschen Verantwortung muss ja auch von meiner Seite aus sein.

Den Großteil seiner Masse werde ich später genüsslich verspeisen.

Wie eben erwähnt bin ich gedankenverloren und vergesse seine Erbanlagen in Reinform abzunehmen, damit sie nicht mit den anderen Zutaten verunreinigt werden.

Und genau dies habe ich versemmelt!

Der Schreck war groß, denn ich schätze sein Dasein und seine Mitarbeit über alle Maße.

Gedanken überschlagen sich, der Selbstvorwurf ist groß, mindesten so groß wie die Frage, ob er diesen extremen Intoxikationsschock überwinden kann.
Ich versuchte ihm sogleich eine Getreide-Reinkultur-Mahlzeit anzubieten und konnte nur hoffen, dass er nicht zu sehr darnieder lag.

Mehr machen konnte ich nicht, nur warten, warten, warten.

Am nächsten Tag stattete ich ihm gleich nach dem Aufstehen einen Besuch ab, ich wollte sehen, wie es ihm geht.
Erleichtert sah ich ihm seine kräftigen Blähungen an, die er immer dann bekommt, wenn ihm etwas schmeckt.

Mit unendlicher Freude meinerseits blieb er noch ein paar Tage in der warmen Pflegestation, bevor er erneut in den gewohnten Kälteschlaf versetzt wurde.

Ach so, Sie wissen nicht wirklich, vom wem ich erzähle?

Von unserem Sauerteig, von wem sonst?

Euer
Tom di Luc

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