Tour de E-Stoffe
Tour de E-Stoffe

Tour de E-Stoffe

Tour de E-Stoffe
Oder: Auf der Suche nach einem Café
von Tom di Luc

     Endlich nach dem heißen Sommer wieder moderate Temperaturen, endlich wieder mal ein Wochenende frei. Was lag da näher, als einen kleinen kulinarischen – was sonst bei uns Genußwurzeln – Ausflug zu machen. Es bot sich der Rhöner Wurstmarkt an, der in Ostheim vor der Rhön stattfand.
Ein paar Bio-Vertreter waren laut Ausstellerliste auch vor Ort. Es war eine bunte Schar, dass sich für uns die Chance bot, nicht hungrig nach Hause fahren zu müssen, also für unser leibliches Wohl mit nicht konventionellen Lebensmitteln sorgen zu können.

     Die Fahrt ging in Würzburg bei regnerischem Wetter los, doch je weiter wir gen Rhön fuhren, desto schöner wurde das Wetter. Kurz vor Erreichen des Zielorts zeigten uns die Sonnenstrahlen, die durch die Wolkenlücken schienen, die bergig schöne Landschaft.
In Ostheim angekommen fanden wir recht schnell einen Parkplatz und schlenderten Richtung Ortsmitte, in der sich in einem großen Straßenzug der genannte Wurstmarkt befand. Alle Zugänge zum Wurstmarkt wurden von Wurstmarkt-Wächtern kontrolliert, die einen erst durchließen, als man einen Wegezoll entrichtete.
Es war schon einiges los, der Duft von Gebratenem und Gegrilltem stieg einem in die Nase und als fleischfressende Pflanze erhoffte man sich eine besondere Auswahl. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Hier begann die Tour de E-Stoffe.
Jeder zweite Stand bot die berühmte Bratwurst an, was für den Franken ein Grundnahrungsmittel ist. Gefolgt von verschiedenen Sorten Hausmacherwurst, Salami und Schinken, blieb das Bedürfnis nach Abwechslung erst einmal unbefriedigt.
In einiger Entfernung nahmen wir einen besonderen Wagen war, der ein amerikanisches Flair ausstrahlen. Das Angebot in diesem Wagen war auch amerikanisch angehauchte, es gab „Pulled Pork“ und „Pulled Beef“. Auf Schweinerei hatte ich keine Lust und so entschied ich mich für das Pulled Beef in konventioneller Ausführung. Ich hatte diese Form noch nie probiert und ließ mich überraschen, was ich da so an Zerzupftem serviert bekomme. Die Liste der Zusatzstoffe versuchte ich zu ignorieren.
In einem Weißmehlplunder fand sich ein stundenlang gekochtes Rindfleisch wieder, welches von einer nicht ganz definierbaren Soße begleitet wurde. Das Rindfleisch erinnerte mich von der Konsistenz an eine Mischung von Gummi und Fensterkitt.
Jedes Mal wenn ich mich noch an dieses Kau-Erlebnis erinnere, schaudert es mich. Außerdem hatte die wässrige Soße das Backwerk schnell durchdrungen und aufgelöst, so dass sich die Serviette animiert sah, das gleiche zu tun. Unbemerkt meinte die Soße, meine Jacke aromatisieren zu müssen. Ein wirkliches kulinarisches Erlebnis war dies nicht für mich.

     Etwas weiter entdeckten wir einen Bio-Metzger, bei dem wir zum einen eine schöne und gute Auswahl an Wurst fanden, zum anderen eine nette Konversation.
Aber, dieser Bio-Metzger fuhr zweigleisig. Auf die Frage warum er auch konventionell wirtschafte, erhielten wir die Antwort, dass es vielen Menschen egal sei, ob die Tiere ökologisch gehalten wurden. Dazu wäre es auch eine Preisfrage.
Würde er nicht auch ein konventionelles Angebot haben, könnte er seinen Betrieb mit 16 Angestellten nicht halten. In einem Ballungsgebiet wie München wäre das kein Problem, in der ländlichen Gegend tut er sich schwer.
Alles in allem bräuchte man in Bezug auf die Sortenauswahl den Wurstmarkt nicht zu besuchen, denn das was bis auf sehr wenige Ausnahmen angeboten wurde, bekommt man bei jedem Metzger, oder Supermarkt.
Erstaunt hat, dass die hohe Qualität in den Vordergrund gestellt wurde.
Aber wow, so viele Konservierungsstoffe, Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker, Säuerungs- und Süßungsmittel, Farbstoffe, Stabilisatoren, Verdickungsmittel, Antioxidationsmittel.
Angeblich kann man die vom Kunden geforderte Qualität nur dann halten, wenn der Wurstler eine breite Palette an Hilfsmitteln, die die Industrie für die Fleisch- und Wurstverarbeitung für die Kreativ- und Gechmackslegasteniker bereithält, halten.
Vom Nitritpöckelsalz mal ganz abgesehen, welches man auch im Bio-Bereich findet, weil der verkorkste Esser kein graues Stellchen an seiner Wurst sehen mag. Natürlicher Geschmack ist ihm anscheinend egal.

     Kein Wunder, dass sich die Leute inzwischen nach dem Tod verbrennen lassen, weil Sie nicht sicher sind, ob sie sich nach dem häufigen Verzehr genannter E-Zusatzstoffe überhaupt noch zersetzen. Oder, sich gleich Gunther von Hagens für seine Körperwelten zur Verfügung stellen, damit er weniger Arbeit mit der Konservierung hat. Der bräuchte sie dann nur noch zu trocknen.

     Bei vielen Gesprächen wurde klar, dass es den Metzgern egal ist, individuell zu wursten. Sie nehmen lieber vom Großhändler die Einheitsgewürzmischung, egal was darin enthalten ist. Wofür es zu verwenden ist, steht schließlich auf der Verpackung.
Wundert es dann, dass sich der Einheitsgeschmack überall durchzieht? Hat der Metzger null Bock, seine Gewürzmischungen individuell und aus frisch gemahlenen Gewürzen herzustellen? Hat er dies überhaupt schon jemals beigebracht bekommen?
Über die Gründe lässt sich viel spekulieren.

     Interessant ist auch, dass die Kotkanäle, in die manche Wurst abgefüllt wird, irgendwoher, meist aus Neuseeland kommen. Hier bei uns gäbe es nicht genug Naturdarm, um die Wurst darin unterzubringen. Deshalb gibt es ja auch den Kunstdarm. Ich muss gestehen, ein Glas ist mir lieber.
Selbstverständlich sind die Wurst- und Fleischwaren ausgenommen, die der Rauchbehandlung, Trocknung oder und Reifung unterliegen.

     Nachdem wir diese wurstkulturellen Wissenslücken geschlossen hatten, war uns eher nach einem guten Kaffee und einem Stückchen Kuchen.
Wir fragten nach einem netten Café mit Flair. Nach Auskunft eines Eingeborenen sollten wir zu einem schönen Aussichtspunkt ganz in der Nähe fahren; dort gäbe es einen guten Kaffee.
Der Aussichtspunkt ließ einen fast 360° in die Landschaft schauen und war weitläufig umgeben von einer Sandsteinmauer. In der Mitte dieses Areals stand eine Burgruinen, daneben ein renovierter Anbau, der wohl früher ein Wirtschaftsgebäude war.
In diesem Gebäude befand sich eine gastronomische Lokalität, in der wir auch unseren ersehnten Kaffee erhalten sollten.
Allerdings sah der Kasten mit der Speisekarte im Eingangsbereich zum Hof schon entsprechend aus und sprach Bände. Der Kastenrahmen war jetzt nicht wirklich eine gepflegte Erscheinung, wie man es sich wünschte. Das Innere sah aus, als wäre der Kasten von einem Messie bestückt worden, außerdem sah das bedruckte Papier aus, als hätte man eine Papyrusrolle von annodazumal ausgegraben.
Spinnen, deren Behausung und Nahrungsdepots, sowie die kunstvoll verteilten Hinterlassenschaften zierten dieses Speisekarten-Biotop.

     Naja, dachten wir uns, kann man schon mal vergessen zu säubern und wagten uns in den Innenhof. Durch einen kleinen Torbogen gelangten wir in diesen. Das erste was ins Auge stach, war der große SUV, der wohl dem Pächter dieses mittelalterlichen Etablissement gehörte.
Vorsichtig gingen wir zum Eingang, lugten hinein, und gingen recht schnell wieder hinaus. Die Luft die uns entgegenschlug war muffig, roch nach altem Essensduft und hatte einen Anklang von Leder, gemischt mit feuchter Schafwolle.
Das Flair war für uns persönlich nicht sehr einladend, für vierschrötige Kerle und hart gesottene Damen mag die Ausstattung und das diffuse Licht gerade recht sein. Unser Bauchhirn sagte nein, also drehten wir um und schlenderten wieder zurück zum Auto.
Sicherlich finden wir auf dem Rückweg eine kulinarische Oase, die zumindest etwas Niveau bereit hält. Ein paar Ortschaften weiter strahlte uns ein nett gestaltetes Hinweisschild entgegen. Diesem folgten wir, da dort ein angenehmes Ambiente angepriesen wurde, indem man auch seinen Kaffee und ein paar süße Teilchen dazu genießen könne.
Ein schönes Gebäude trat hinter einigen Bäumen hervor, und wir wähnten uns schon am Ziel. Wir stiegen aus und mussten einem Schild an der Türe entnehmen: Geschlossene Gesellschaft.
Nun gut, aller guten Dinge sind drei. Das selbe Prozedere wie vorher, zurück zum Auto, weiterfahren. Derweil recherchierte Sabine mit unserem smarten Minicomputer und machte ein Hotel ausfindig, welches nur wenige Kilometer weiter auf unserer Strecke lag.
Eigentlich wollten wir etwas Kleines, Gemütliches, da aber der Magen zu knurren begann, wollten wir uns den großen Kasten einmal ansehen. Die Ausstattung war freundlich und hell, da lässt es sich bestimmt gut sitzen.

Wir traten ein – Stille.

Wir gingen durch den Raum – Stille.

     Kein Mensch war zu sehen, weder ein Gast, noch irgendjemand vom Personal. Aus der Durchreiche der Küche lugten ein müdes Gesicht hervor. Aber wir zwei waren wohl nicht Anreiz genug, dass sich irgendjemand ins Gastzimmer bemühte.
So langsam waren wir etwas angefressen, denn zum aufkommenden Hungergefühl gesellte sich nun ein Anflug schlechter Laune. Also, wieder zum Auto auf den Parkplatz, einsteigen, weiterfahren.
Falls uns etwas auf der Strecke begegnen sollte, könnten wir es vielleicht, gegebenenfalls, unter gewissen Umständen, noch einmal versuchen. Sabine gab nicht auf und recherchierte weiter. Ein interessantes Café wurde uns versprochen, welches idyllisch an einem See lag.
Nach Auskunft unseres elektronischen Informationsdienstes hätte dieses ab 15:00 Uhr geöffnet.
Die gastronomische Örtlichkeit wurde schnell gefunden. Warum schaut es hier aber so leer aus? Kein Auto auf dem Parkplatz, kein Licht im Inneren zu sehen, geschweige denn ein Mensch.
Zuerst mussten wir suchen, wo der eigentliche Eingang war. Dann hatten wir diesen gefunden und trauten unseren müden Augen nicht: Öffnungszeit ab 17:00 Uhr.

     Nun hatten wir den Kanal endgültig voll und entschlossen uns einen Kaffee to go zu besorgen. Man mag es nicht glauben, außer Kneipen, Eingeborenen-Beizen, Teigfladen-Jongleuren und geschlossenen Bäckereien fanden wir nichts auf unserem Weg.

     Der Hunger trieb uns an, nun doch den einen oder anderen kulinarischen Kompromiss einzugehen. Der Weg führte uns vor der Autobahn durch einen größeren Ort, bei dem wir wussten, dass dort ein Einkaufsmarkt einer bekannten Firmenkette angesiedelt war, der auch biologische Lebensmittel anbot.

Endlich angekommen.

Hunger! Durst!

Zuerst aber dringend Pippi machen!!

Türe zugesperrt!

Personal fand den Schlüssel nicht!

Schlüssel da – Toilette versch….en.

     Wir bekamen die Anregung, den Ort der Ausscheidung selbst zu putzen, da sonst keiner da wäre. Es erbarmte sich dann doch eine Angestellte und nachdem wir uns zuerst etwas Platz verschafften, und die Hinterlassenschaften unserer Tischvorgänger abräumten, gingen wir an die Theke, um uns einen Kaffee zum Mitnehmen zu bestellen.

Wir bestellen einen Kaffee to go.

     Daraufhin meinte die Dame am Ausschank in einwandfreiem sächsisch: „Dogo (Togo) ham wa nich; unser Gaffee gömmt aus Ädiöbien“.

     Können Sie sich vorstellen, dass einem da nach so einem Tag langsam der Hintern juckt?
Etwas versöhnlich stimmte uns das Angebot von süßen Teilchen und Kuchen. Spontan beschlossen wir uns, den Kaffee vor Ort mit etwas Süßem zu begleiten.

     Die Deklaration der Zusatzstoffe versuchten wir geflissentlich zu ignorieren, aber die Zahlen 1, 2, 3, 4, 11, 16, wollten sich vor unseren Augen nicht verstecken. Es ließen uns also auch hier Konservierungs- und Zusatzstoffe nicht los.
Der Gusto war jedoch so stark, dass wir das Risiko einer Lebensmittelvergiftung durch Zusatzstoffe auf uns nahmen.

     Endlich, der Kaffee ist fertig und der Kuchen wird serviert. Ja, Sie haben richtig gehört, es wurde serviert!
Man mag ja nicht undankbar sein, aber man merkt schon, dass der Kuchen nicht aus einer kleinen, individuelle Bäckerei stammte.
Aber der Hunger trieb es rein.

Jetzt aber doch schnell nachhause, die Couch ruft.

     Nach wenigen Minuten bekam ich einen länger andauernden Nießanfall, mein Tinnitus steigerte sich um 300 % und Sabines Verdauungstrakt versuchte lautstark mit ihr zu kommunizieren.

     Mein Gott, was sind wir auch so empfindlich, begannen wir auf der Heimreise zu frotzeln.

     Kaffee und Kuchen hielten erwartungsgemäß nicht lange an, wir freuten uns schon auf ein selbst zubereitetes Abendessen: Lammlachse, Bratkartöffelchen, eine Pfeffersauce mit unserer „Pfeffer-Hex“, einem knackigen Salat und einem ausdrucksstarken Merlot.

Bio? Logisch!

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www.tom-di-luc-de

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